Ratinger Baumwollspinnerei "Cromford"
Geschichte der ehemaligen Spinnerei
Die Baumwollspinnerei gilt als erste mechanische Spinnerei des europäischen Kontinents.
Fabrikgebäude, Arbeiterwohnungen, die Herrenhäuser und der Park blieben bis heute erhalten. Die Gebäude stehen seit 1970 unter Denkmalschutz. Weitere Gebäude aus der Zeit vor 1830, die nicht unter
Denkmalschutz gestellt wurden, hat man abgerissen, und es entstand dort ein Wohngebiet u.a. von der Firma "Emil Bast Wohnungsunternehmen".
Das Bergische Land mit seinen Städten Elberfeld und Barmen war im 18.Jahrhundert das Zentrum der Garne und deren Veredlung geworden.
Kaufleute waren vorrangig Verleger der Garne, sie erwarben Garne und gaben diese zum Bleichen, Weben oder Färben an Lohnweber oder Menschen, die diese Tätigkeiten als bäuerlichen Nebenerwerb erledigten.
Den Kaufmann Johann Gottfried Brügelmann [1750-1802] störte dieses, weil er nicht nur als Händler auftreten wollte, sondern auch als Garnproduzent mit einer eigenen vollmechanischen
Spinnerei, wie in der englischen Stadt Cromford, nach dem Prinzip von Richard Arkwright [1732-1792]. Der von Arkwright entwickelte water frame Spinnrahmen war die erste Maschine, die
sich zur Massenproduktion von Garnen eignete.
Brügelmann wurde von seinen Wuppertaler Kollegen dermaßen angefeindet, dass er sich entschloss, in das 45km entfernte Ratingen abzuwandern, welches günstigere Bedingungen für die Errichtung einer Fabrik aufwies.
Durch das Wasserrecht am Angerfluss, die günstigen Arbeitskräfte und die nahe gelegene Rheinanbindung entschied Johann Gottfried Brügelmann im Jahr 1783,
die Baumwollspinnerei "Cromford" ca. 1km von der Ratinger Stadtmauer entfernt nach den Konstruktionsprinzipien von Arkwright mittels Industriespionage nachbauen zu lassen.
Für deutsche Verhältnisse war dies eine sehr frühe Entstehung, da die Industrialisierung auf dem europäischen Kontinent erst 1830 langsam ins Rollen kam.
Brügelmann hatte anfangs Schwierigkeiten, die ausspionierte und erfahrungsabhängige Technik zum reibungslosen Betrieb zu bringen. Er löste sein Know-how-Defizit, indem er englische Facharbeiter abwarb.
Trotzdem entwickelte sich die Fabrik schnell und beschäftigte zeitweise bis zu 650 Arbeitern. Überwiegend waren dies ungelernte Frauen und bis zu 150 Kinder [6-16 Jahre], die zwölf Stunden an den Maschinen standen.
1787 ließ Johann Gottfried Brügelmann das Herrenhaus nach Spätbarockart als Geschäftsgebäude und Bürgerhaus errichten. Bemerkenswert ist im ersten Obergeschoss der Toiletteneinbau, was eine Seltenheit für damalige Verhältnisse war.
1790 ließ Brügelmann dann direkt neben dem Herrenhaus Arbeiterwohnungen bauen, um den Fachkräften einen Anreiz zu geben, nach Ratingen zu kommen.
Durch den ersten Koalitionskrieg [1792-1797] und die im Jahr 1797 an Frankreich abgetretenen linksrheinischen Gebiete verlor die Fabrik ihr traditionelles Absatzgebiet, konnte jedoch
durch die Kontinentalsperre, welche den Import englischer Produkte auf das europäische Festland verhinderte, diese Situation wieder ausgleichen.
Mit anschließenden Erweiterungsbauten dehnte sich die Fabrik bis zur heutigen Mühlheimer Straße aus, ein zweites Herrenhaus und Fabrikgebäude wurden um 1800 errichtet. Hier befindet sich heute nur noch das
zweite Herrenhaus, welches in den 80er Jahren saniert wurde und dessen Wohnungen von der Stadt Ratingen vermietet werden.
Nach dem Tod des Firmengründers 1802 übernahmen seine Söhne Johann Gottfried [1775-1808] und Jacob Wilhelm [1777-1826] die Firma.
Als der erste Sohn Johann Gottfried im Alter von 33 Jahren starb, führte seine Frau Sophie mit ihrem Schwager die Fabrik erfolgreich weiter.
Nach der Aufhebung der Kontinentalsperre [1813] steckte die Fabrik in einer Krisenzeit. Der Grund hierzu waren die Maschinen, die nicht mehr Stand der Technik waren und zwischenzeitlich marode geworden sind.
Erst 1830 wurde wieder ein Wachstum verzeichnet, nachdem der Enkel des Fabrikgründers, Moritz Brügelmann [1808-1879], die Firma nach und nach modernisierte. Unter anderem wurde das Wasserrad durch eine Dampfmaschine ersetzt.
Als 1835 die Schulpflicht gesetzlich verankert wurde, baute Brügelmann eine Fabrikschule. Der Unterricht war nicht kostenlos, die Kinder mussten vier
Silbergroschen bezahlen und an vier Tagen in der Woche eine halbe Stunde länger arbeiten.
1851 baute Moritz Brügelmann eine eigene Weberei. Die Kombination der Spinnerei und der Weberei verschaffte dem Unternehmen wieder wirtschaftliche Spielräume, die bis 1890 anhielten.
1890 erlitt das Unternehmen das Schicksal von mittelgroßen Firmen und konnte in diesem Gewerbe nicht mehr Schritt halten. Die Fabrik kämpfte wiederholt um ihre Existenz, wurde von Aktiengesellschaften
aufgekauft und wieder verkauft, in den 1920er Jahren in eine Genossenschaft umgewandelt und schließlich 1977 aufgelöst.
Cromford heute
Nach einer aufwändigen Restaurierung 1996 zeigt heute das Rheinische Industriemuseum an vielen Beispielen das Arbeiten und Leben vor 200 Jahren.
Im Herrenhaus kann man Kaffee trinken und den herrlichen Ausblick zum Cromford Park, der zum Poensgenpark führt, genießen.
Außerdem besteht die Möglichkeit, im großen Herrensaal zu heiraten.